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Der
"Selbstreisende" im Entwicklungsland
Ironisch-kritische
Anmerkungen eines Touristikers
Jeder
Reiseveranstalter wird immer wieder mit "Selbstreisenden" oder
Rucksack-Reisenden konfrontiert, die genau dahin wollen, wo möglichst noch kein
"Weißer" war und ihre Reise selbst organisieren möchten. Selbst
reisen - nicht gereist werden ist die Devise. Der
"Selbstreisende" hat typischerweise dem faszinierenden Diavortrag
eines heldenhaften Globetrotters gelauscht, der stolz berichtete, wie er in
einer geheimnisvollen Weltengegend unberührte Landschaften und rückständige
Kulturen mit seiner Kamera eingefangen hat, mehrmals in unglaubliche Situationen
geriet und aus haarsträubenden Gefahren dem Tode nur knapp entronnen ist. Oder
er hat in einer Reisezeitschrift einen Bericht mit einem "Geheimtipp"
gelesen, in dem beschrieben wird, wie in einem abgelegenen Gebiet unseres
Globus, inmitten paradiesischer Natur, der Fremde in den Genuss unglaublicher
Gastfreundschaft kommen kann. In
seinem Bestreben, dem Alltag der industriellen Massengesellschaft zu entrinnen,
erstrebt er, wenigstens für zwei Wochen den wagemutigen Forscher spielen zu können
und identifiziert sich unbewusst mit Marco Polo oder Sven Hedin. Schnurstracks
begibt er sich ins nächste Reisebüro, wo ihn die erste Enttäuschung erwartet.
Er muss feststellen, dass er nicht der Einzige ist, der zu dieser Zeit dieses
Reiseziel anstrebt, ja dass bereits von verschiedenen Veranstaltern
Gruppenreisen in diese Weltgegend angeboten werden. Obwohl der
"Selbstreisende" nie im Leben an einer Gruppenreise teilnehmen würde,
da er ja kein Massentourist ist (denn das sind immer die Anderen), heuchelt er
Interesse an einer organisierten Reise. Er langweilt den Agenten mit ausführlichen
Schilderungen der Erlebnisse früherer Reisen und versucht, ihm möglichst viele
Informationen und Kataloge zu entlocken. Das kostet ihn ja alles nichts. Immer
noch steht sein Entschluss fest, kein Geld an Agenturen oder Hotelketten zu
verschwenden, sondern seine bescheidenen Mittel direkt den Einheimischen im
Zielgebiet zugute kommen zu lassen. Mit dem Hinweis, er möchte nicht das
besichtigen, was alle zu sehen bekommen, sondern das Land echt und persönlich
kennen lernen, versucht er, aus dem Expedienten weitere "Geheimtipps"
heraus zu locken. Der
Reiseagent seinerseits täuscht große Kenntnis aller Gegebenheiten des gewünschten
Ziellandes vor und versucht dem potentiellen Kunden weiszumachen, dass eine
Reise dorthin genau das Richtige für ihn sei. Zwar ahnt er, dass die
"Eingeborenen" im Zielgebiet auf genau diesen Touristen eigentlich gut
verzichten könnten, hofft aber auf das Geschäft, von dem er schließlich lebt.
Wenn er große berufliche Fähigkeiten und großes Glück hat, erreicht er
vielleicht, dem Kunden zu überzeugen, dass er bei einer Gruppenreise doch auf
der sichereren Seite sei und bringt ihn zur Buchung. Hat der Agent jedoch nur
geringes Glück, bucht der Kunde nach ausführlicher Beratung über Flugmöglichkeiten,
Geografie, Kultur, Klima, Gesundheit, Behördenbestimmungen usw. den billigsten
Flug in sein Traumland. Wahrscheinlich
aber bedankt sich der Kunde höflich für die ausführliche Beratung, heuchelt
weiterhin großes Interesse an einer Buchung und entschwindet, um beim
Billigflugbüro zwei Strassen weiter den empfohlenen Langstreckenflug 5 Euro günstiger
zu buchen. Im
Zielgebiet angekommen, versucht unser "Selbstreisender" den
Pauschaltouristen angewidert aus dem Weg zu gehen. Vom ersten freundlichen
Schlepper / Nepper lässt er sich überreden, ein Zimmer in einer miesen
Herberge zu beziehen. Der Taxi- oder Rikschafahrer macht einen gewaltigen Umweg,
um mehr zu verdienen, und hält noch am Geschäft seines Schwagers, um dem
Reisenden "echte" Antiquitäten zum "Freundschaftspreis"
anzudrehen. Während im Hinterzimmer dann noch die Provision ausgekungelt wird,
wundert sich der im Taxi wartende Tourist, warum das Einpacken der gekauften
Souvenirs so lange dauert. Stolz
darauf, es geschafft zu haben, den richtigen öffentlichen Bus für die Überlandtour
gefunden zu haben, hat unser Globetrotter jedoch nicht gemerkt, dass ihm der
doppelte Fahrpreis berechnet wurde, da er die Schrift nicht lesen kann. Außerdem
fährt er an den interessantesten Sehenswürdigkeiten vorbei ohne sie zu sehen,
da er schließlich kein Massentourist ist und nicht dahin will, wo alle
hinfahren. Lässt sich der Besuch eines wichtigen Ortes nicht vermeiden,
begegnet er Reisegruppen, die ihm bekannt vorkommen und beäugt sie
misstrauisch, ohne jedoch jemals Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Seinen
Rucksack trägt unser Reisender auch auf längeren Wanderungen selbstverständlich
immer selbst, um nicht in den Ruch des üblen Kolonialisten zu geraten, der die
"Eingeborenen" ausnutzt. Er ahnt allerdings nicht, dass die
Einheimischen ihn entweder für einen armen Schlucker oder für einen
eingefleischten Geizhals halten, der ihnen keinen Obolus für eine solche
Dienstleistung gönnt. (Was würde wohl ein Münchner Taxifahrer denken, wenn
ein japanischer Tourist vom Münchner Hauptbahnhof aus, seine Koffer drei
Kilometer zu Hotel tragen würde, um nicht dem armen Droschkenfahrer die
stressige, schlecht bezahlte Fahrt durch den Stau zuzumuten?) Unterwegs
im Lande hat unser Reisender mehrfach die Einladung armer Bauern angenommen, bei
ihnen zu schlafen oder mit ihnen zu essen. Gastgeschenke hat er natürlich nicht
dabei, weil er gar nicht weiß, dass solches üblich wäre, und was die Leute überhaupt
brauchen. Stattdessen nutzt er die Gastfreundlichkeit der Menschen freudig aus,
oder aber er beleidigt die
Gastgeber ungewollt mit Geldangeboten. Um
sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, schenkt er unterwegs kleinere Geldbeträge
an die niedlichen Kinder mit den großen schwarzen Augen. Almosen erflehenden Krüppeln
geht er angewidert aus dem Weg. Kinder, die ihn anbetteln oder ihm minderwertige
Dinge andrehen wollen, verjagt er verärgert, ohne zu ahnen, dass diese genau
von den gleichen Geschenken der vor ihm hier durchgereisten reichen Onkels zu
diesem Verhalten erzogen wurden, und nun, anstatt die Schule zu besuchen, den
Touristen auflauern und so mehr Geld nach Hause bringen, als ihre Väter mit
harter Feldarbeit verdienen. Wieder
zu Hause angekommen, referiert unser "Weltenbummler" braungebrannt über
die unberührte Natur, wie wir sie bei uns auch mal hatten, aber zerstört
und zugepflastert haben. (Schließlich müssen unsere Autos und Mülltonnen im
Hinterhof ihren Platz finden.) Er zeigt seine Bilder von überladenen Autos,
leprösen Bettlern und Menschen in armseligen Hütten, nicht ahnend, wie
peinlich den Fotografierten die Situation des fotografiert Werdens war, da diese
Ihre Armut und Unterentwicklung nicht als pittoresk empfinden. Auch die mit der
Kamera gejagten Tiger und Nashörner werden jetzt stolz vorgeführt - während
in unseren Naturparks ein erbitterter Kampf gegen die Wiederansiedlung
ausgerotteter Wölfe, Bären, Kormorane oder Fischotter geführt wird, gefährlicher
Bestien oder lästiger Nahrungs-Konkurrenten. So
schließt sich der Kreis. Die Reiseerlebnisse und "Geheimtipps" locken
weitere Reisende an, welche den gleichen Missverständnissen erliegen und in
ihrer Menge den bereisten Einheimischen die Illusion vorgaukeln, der Tourist sei
ein Mensch, der nie arbeitet und immer reist. Joachim Caspary |