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Kritischer Kommentar zur derzeitigen Lage in Nepalvon Joachim Caspary im Mai 2002 Nepal war wohl für uns alle immer ein Traumland. Herrliche, unberührte Natur, liebliche Kulturlandschaften, gewaltige Eisriesen und vor allem freundliche und fröhliche Menschen, welche in ethnischer und kultureller Vielfalt friedlich zusammen lebten und phantasievolle Kunstwerke schufen. Also pilgerten wir seit der Öffnung des Landes in den 60er Jahren in Scharen dorthin, genossen die saubere Natur, die Gastfreundschaft der Bewohner, den billigen Aufenthalt und empfanden uns wie zurückgesetzt um mehrere Jahrhunderte in unsere eigene vorindustrielle Geschichte in eine Welt der Märchen- und Sagen, der Geister und Dämonen, der klappernden Mühlen am rauschenden Bach. Wir entflohen der Hektik unseres Alltags, den Verklemmungen und Zwängen unseres christlichen Abendlandes, der Verschmutzung von Luft, Wasser und Boden, dem Lärm der Maschinen und Autos, den teuren Hotels, dem Massentourismus, unserer eigenen Überorganisation und Regelungswut. Wir lernten erneut unsere eigene Kultur zu relativieren, das einfache Leben in der Natur zu genießen und auch den Genuss der langsam dahinfließenden Zeit. Den Menschen in Nepal aber brachten wir Industrie, Plastik, Umweltverschmutzung, Geld und Geldgier. Wir brachten ihnen bei, die Natur auszubeuten, Straßen zu bauen und auf Berge zu steigen, um sie zu bezwingen oder einfach weil sie da sind. Wir lehrten sie, kurzlebige Industriegüter wie Moped und Taperecorder wichtiger zu nehmen, als schön geschnitzte Häuser. Wir lehrten sie auch Demokratie, Wissenschaften und die Erkenntnis ihrer eigenen Armut. Wenn wir nun nach Nepal kommen, empfängt uns ein Moloch von Millionenstadt. Schwarzer Smog wabert im Kathmandutal wie Rauch in einer Schüssel. Wir überwinden gierige Gepäckträger am Flughafenausgang, fahren an brennenden Müllhaufen vorbei, in denen entwurzelte Straßenkinder mit Stangen nach Verwertbarem suchen, bleiben auf dem Weg zu unserem Hotel im Stau stecken, werden von Schwerbewaffneten kontrolliert. Die ehemals von uns bewunderte unbeschwerte Fröhlichkeit der Menschen, denen wir begegnen, ist einem verzweifelten Bemühen gewichen, den letzten Touristen, die sich noch hierher wagen, die von ihnen so ersehnte heile Welt vorzugaukeln. Wir erfahren, dass die Monarchie weder mächtig, noch beliebt ist, das die Regierung in einem unvorstellbaren Ausmaß korrupt ist und die Parteien so zerstritten sind, dass sie sich laufend aufteilen, und ihre Führer sich gegenseitig bitter bekämpfen. Wir erfahren, dass in verschiedenen Landesteilen ein blutiger Bürgerkrieg tobt und fast täglich Massaker begangen werden, sowohl von irregeleiteten Aufständischen, als auch von schlecht ausgebildeten und verunsicherten "Sicherheitskräften". Wie durch ein Wunder wurden die ausländischen Gäste bislang kaum beeinträchtigt. Jetzt hängt wie ein Damokles-Schwert die Gefahr über dem ganzen Volk, dass es nur noch der Verletzung oder des Todes einiger weniger Ausländer bedarf, um sowohl der Entwicklungshilfe als auch dem ebenso dringend benötigten Tourismus endgültig den Garaus zu machen. Aber eigentlich kann dies nur eine Frage der Zeit sein, denn weder Regierung noch Aufständische haben naturgemäß in diesen chaotischen Verhältnissen die Macht, solches zu verhindern. Dann werden unsere Illusionen vom friedlichen Land des Brahma und des Buddha zerstört sein und uns die Realität von Gewehren und Bomben, Vergewaltigung und Mord, Entführung und Erpressung auch hier eingeholt haben, wie in unserer eigenen "Zivilisation". Der Maoistenführer Dr. Baburam Bhattarai vergleicht seinen gegenwärtigen Kampf gegen Armut, Ungerechtigkeit, Korruption, Ausbeutung und Feudalismus mit den Revolutionen der Europäer im 17. bis 19. Jahrhundert. Seine Ziele mögen uns ja noch einleuchten, die grausamen Methoden empfinden wir jedoch als archaisch und abscheulich. Aber wieso erwarten wir eigentlich von dem Land, in das wir so gerne reisen, weil wir uns in unserer eigenen Geschichte wiederfinden, das sich dieses Land nicht auch die Fehler unserer Geschichte leisten darf? Haben wir nicht Hunderte von Jahren gebraucht, Feudalismus, Revolutionen, Totalitarismus und Kommunismus zu überwinden? Ich glaube wir müssen uns langsam darauf einstellen, das Nepal auch im Zeitalter des Übergangs von der Industrie- zur Kommunikationsgesellschaft einfach seine Zeit braucht, um Anschluss an die globalisierte Welt zu finden. Wir dürfen unsere Freunde dort gerade jetzt in schwierigen Zeiten nicht im Stich lassen, müssen ihnen weiter beharrlich unsere Hilfe anbieten ohne überheblich zu sein. Welches Volk hat denn schon aus den Fehlern der anderen Völker gelernt? So wie jedes Kind geistig und körperlich die Entwicklungsgeschichte der menschlichen Art durchmacht, so muss wohl auch jedes Volk die Entwicklungsgeschichte der menschlichen Gemeinschaften durchmachen, mit allen ihren Höhepunkten und Rückschlägen. J. C., Freunde Nepals e.V. |