|
Der "Gruppenreisende"
Ironisch-kritische Anmerkungen eines Touristikers Der typische Gruppenreisende ist ein eingefleischter
Gemeinschaftsmensch. Schon bei der Buchung der Reise klärt er den Reisebüro-Agenten
über die Vorzüge und Nachteile der verschiedenen Reiseveranstalter auf und erzählt
ausführlich über die Reisen der letzten fünf Jahre. Obwohl er es besser
wissen müsste, quält er die Reisebürokraft bereits ein halbes Jahr vor der
Reise, Auskunft darüber zu geben, ob die Reise zustande kommen wird, wie viele
Personen die Gruppe umfasse und ob das denn auch nette Leute seien. Der Agent
bemüht sich beflissen, dem Kunden die teuerste Reise schön zu reden, um die höchste
Provision zu verdienen. Nach Buchung der Reise hofft der Agent vergeblich, vom
Kunden bis zur Übergabe der Reisedokumente nicht mehr gestört zu werden.
Dieser treue Kunde meldet sich jedoch meist gleich Montags kurz nach neun, weil
ihm am Wochenende wieder einige Sonderwünsche zu seiner bevorstehenden Reise
eingefallen sind. Der Agent freut sich zu diesem Zeitpunkt besonders über den
Anruf des Kunden, da er außer dem Sortieren der Post zweier Tage, dem Entwirren
langer Faxrollen, der Durchsicht von Unmengen an Emails und der Bearbeitung von
einigen dringenden Meldungen des Reservierungssystems nicht viel zu tun hat.
Schließlich möchte unser Gruppenreisender lediglich mal eine
Sitzplatzreservierung vornehmen, mal die erlaubten Höchstmaße des Fluggepäcks
oder die Durchcheck-Möglichkeit beim Umsteigen eruieren, mal wissen, ob der
Flug ein Nichtraucherflug sei und ob er vegetarisches Essen bekommen oder einen
Sitzplatz reservieren könne, dann die Möglichkeit der Mitnahme eines Fahrrades
oder Surfbrettes erkunden und gelegentlich auch noch eine kleine
Zusatzversicherung abschließen. Manchmal fällt ihm auch ein, nach der Möglichkeit
der Umbuchung des Fluges in eine billigere Buchungsklasse zu fragen, da er gehört
hat, das dies möglich sei, nicht ahnend, dass diese Vorgehensweise eine
beliebte, diskret verschwiegene, Möglichkeit des Agenten ist, die hieraus sich
ergebenden Ersparnisse in die eigene Tasche zu wirtschaften. Selbstverständlich
versäumt der Kunde bei keinem Anruf die Nachfrage über die Quantität und der
Qualität der anderen Reiseteilnehmer seiner Gruppe. Hat
die Reise nun endlich begonnen, entwickelt sich beim ersten Zusammentreffen der
Teilnehmer eine Gruppendynamik, die jedem Psychologen ein fruchtbares Feld für
Studien zu diesem Thema bieten könnte. Immerhin trifft unser Gruppenreisender
jetzt auf wildfremde Menschen, mit denen ihn nichts weiter als das Interesse am
Reiseablauf verbindet, und mit denen er die nächsten paar Wochen enger zusammen
leben muss als er dies, sich mit seinen engsten Familienangehörigen zu tun,
inzwischen längst abgewöhnt hat. Fortsetzung
folgt... Stand
4.12.2011
14:01
Joachim Caspary |