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Ein ganz normaler Arbeitstag

 

Heute ist ein ganz normaler Arbeitstag im Oktober 2000. Gut geschlafen, bin ich früh aufgewacht und habe die „Süddeutsche Zeitung“ rechtzeitig durchgeackert. Vieles hätte mich darin noch interessiert, aber eine Stunde soll genügen. Gewaschen, rasiert und angekleidet schalte ich kurz vor neun Uhr die Computer an, damit sie bei Ankunft meiner Mitarbeiterin bereit sind.

Da Donnerstags meine Mitarbeiterin Heike zu meiner Entlastung ganztags anwesend ist, habe ich mir heute vorgenommen, den Stoß unerledigter Arbeit links auf meinem Schreibtisch zu verkleinern und einige Seiten in meiner Internet-Homepage zu überarbeiten. Vielleicht gelingt es mir auch noch, endlich mal zum Frisör zu gehen, oder zum Augenarzt wegen der Untersuchung für die Verlängerung des Führerscheins Klasse 2.

Meine Frau Su, hat in der Küche einen Tee aufgesetzt und telefoniert mit einer Freundin. Gegrüßt haben wir uns heute noch kaum, da jeder seinen gewohnten morgendlichen Verrichtungen nachging. Vielleicht werden wir ein paar Worte wechseln, wenn ich mit dem Brötchen, nein Semmel (die Kinder bestehen auf dem bayerischen Ausdruck) in der Küche erscheine, welche ich bald vom Bäcker mitbringen möchte, auf meinem Gang zur Post und Bank.

Es ist noch nicht ganz neun und das Geschäfts-Telefon läutet. Ich hasse diejenigen Kunden, die kurz vor neun anrufen. Das sind die telefonkostensparenden Geizhälse, an denen sowieso nichts zu verdienen ist, oder diejenigen, die es eilig haben und meinen, ich müsse ihre Wünsche sofort erledigen, obwohl zehn andere Kunden seit Tagen auf meine Ausarbeitungen warten. Widerwillig hebe ich den Hörer ab. Es ist nur meine liebe Tochter Maya, die mich bittet, gelegentlich ihren Hund Balu, meinen geliebten "Enkel", in ihrer Wohnung abzuholen und auszuführen, während sie bei der Arbeit ist. Ich willige gerne ein, da es für mich einer der schönsten Momente des ganzen Tages ist, wenn Balu seiner Freude rasenden Ausdruck gibt, wenn ich ihn aus der Einsamkeit seiner leeren Wohnung erlöse. Weniger erfreut höre ich Mayas Bitte, ob ich ihr nicht fünfzig Mark "leihen" könne, die sie ganz dringend bräuchte, weil unerwarteter Weise von ihrem Konto etwas unberechtigtes abgebucht wurde und sie jetzt völlig mittellos dastünde, vor allem, da ihr Untermieter die Miete immer noch nicht gezahlt habe. Ich murmele "mal schaun" und weiß genau, dass ich den „Fuffi“ nie mehr zurückbekommen werde, so wie alle anderen vorher auch.

Inzwischen sind die Computer hochgefahren und Heike ist erschienen. Ein Rechner bringt eine Fehlermeldung "keine Netzwerkverbindung". Also mache ich  mich auf die Suche nach dem Fehler. Wahrscheinlich ist ein Kabel locker. Nacheinander unter alle Bürotische kriechend, überprüfe ich die Kabel und Stecker. Ziemlich staubig da unten an der Wand zwischen den vielen Leitungen und Geräten. Mehrmals muss ich zwischendurch unter dem Tisch hervorkommen, um Anrufer auf der zweiten Telefonleitung zu bedienen. Beim ersten Mal stoße ich mir den Kopf an der scharfen Kante eines Schreibtisches, um dann die Angebote eines Anlageberaters abzuwimmeln. Beim zweitenmal ruft eine weitere Freundin von Su an, die auf der Privatleitung nicht durchkam. Kein Wunder, da Su ja das Gespräch mit der ersten Freundin noch nicht beendet hat. Am tragbaren Telefon um Freundlichkeit bemüht, mache ich mich verstaubt auf den Weg in die Küche. Ein stechender Schmerz im Halsbereich macht mir klar, dass ich mich beim Hervorkommen unter dem Tisch verrenkt habe. Aber das kenne ich schon. In zwei bis drei Tagen lässt der Schmerz langsam nach. In der Küche werde ich gefragt, ob ich meinen Blutdruck schon gemessen habe. Nein, dies werde ich gleich tun, und die Werte in die Excel-Tabelle auf meinem Rechner eintragen.

Auf dem Rückweg zum Büroraum verspüre ich ein dringendes Bedürfnis, aber das Bad ist seit einer halben Stunde von meinem lieben Sohn Johannes belegt, der auf dem Klo beim Lesen nicht gestört werden möchte. Da auch Heike gerade die Gästetoilette beansprucht, begebe ich mich trotz Druck wieder in die Unterwelt, um die Netzwerkkabel und -stecker zu prüfen und den Fehler zu beheben.

Es klingelt an der Haustür. Mit Schmerzen im Hals komme ich wieder unter dem Tisch hervor. Es ist nicht der wichtige Kunde, den wir erwarten, sondern ich darf Reklame entgegennehmen, um meinen Papierkorb weiter zu füllen. Der arme Asylant, der diesen schlechtbezahlten Job des Reklameaustragens macht, denkt sicher über mich, dass ich ein typischer unfreundlicher Deutscher sei, so wie ich ihn anschaue. Er kann ja nicht wissen, wie mich mein Rücken schmerzt, und dass sein Kollege das von mir kunstvoll angefertigte und angebrachte Türschild mit der Aufschrift "Keine Werbung im ganzen Haus" kürzlich vom Eingang abgerissen hat.

Inzwischen vermute ich, dass das Netzwerkproblem an einem Kabel liegen könne, das an der Decke entlang läuft. Also, auf die Leiter. Wieder runter, um einem Kunden am Telefon beredt zu erläutern, warum das Angebot für ihn immer noch nicht fertig ist. Kaum wieder auf der Leiter, steht die 90jährige Mutter in der Tür. Zur Begrüßung bemerkt sie laut, ich rieche unter dem Arm. Danke. Sie meint es ja nur gut. Nachdem ich zehn Minuten der Schilderung ihres schlechten Schlafes und Ihrer Darmprobleme in der vergangenen Nacht gelauscht habe, erlöst mich ein Kundenanruf.

Der Postbote war inzwischen auch da und Heike hat mir einen Stoß 5 cm Post auf den Stoß Papier namens „Eilig“ links auf meinem Schreibtisch gelegt, den ich heute abzuarbeiten mir vorgenommen habe. Leise fragt sie mich, ob ich die E-Mails schon abgeholt habe. Außerdem müssten wir dringend neuntausend Dollar nach Indien überweisen. Und ob ich die Kunden Schleinemann schon angerufen hätte; dies sei immerhin ein wichtiger Auftrag, wenn er zustande käme.

Ich stelle die Leiter zur Seite und verschiebe die Reparatur des Netzwerkes auf später. Einige Kunden muss ich dringend anrufen bzw. ihnen Angebote ausarbeiten. Ohne die lästigen Kunden wäre die Büroarbeit eigentlich viel schöner, aber wovon solle dann die Miete und all die anderen Kosten gezahlt werden?

Schnell messe ich noch meine Blutdruck und starte gleichzeitig die Datenbank um die Werte einzutragen. Die Datenbank öffnet sich nicht, der Computer bleibt stehen. Neustart. Die Blutdruckwerte sind viel zu hoch, dabei bin ich doch so ein ruhiger, gemütlicher Charakter und rauche auch nicht mehr. Die Medizin habe ich vergessen zu nehmen. Will aufstehen, um die Pillen zu holen. Heike erinnert mich an die wichtigen Kunden. Das Faxgerät piepst unerträglich, weil der Papiervorrat ausgegangen ist. Papier nachlegen. Der Bauch schmerzt. Ist es der Hunger? Nein, das Bad ist endlich frei geworden. Johannes entschwindet mit kargem Gruß zur Arbeit. „Netzwerkadministrator“. Baut Computernetzwerke auf. Für mein Netzwerkproblem leider momentan keine Zeit. Vielleicht schaut er am Abend mal nach.

Mit Bauchgrimmen und Nackenschmerzen aufs Klo. Ein paar Minuten der Besinnung. Heike ruft: Der "Martin ist am Telefon". Die Werbeagentur will wahrscheinlich Geld. Seine letzte Rechnung über vierzehntausend Mark muss jetzt endlich bezahlt werden.

Zurück am Schreibtisch drängt mich Su, nun doch die Kunden Kirchdorfer anzurufen. Ausgerechnet bei diesen schwierigen Kunden ist mir beim Angebot ein kleiner Rechenfehler passiert. Das Gespräch schiebe ich schon seit Tagen vor mir her. Su hat die Fähigkeit, immer genau meine tiefste Wunde zu treffen. Die Kunden melden sich nicht am Telefon. Gott sei Dank!

Maya ruft an, ob ich den armen Balu schon bei ihr zu Hause abgeholt habe. Nein, aber ich gehe sofort los. Muss sowieso vor halb eins bei der Bank sein. Ich fülle das Auslands-Überweisungsformular aus, ziehe mir die Jacke an und gehe zur Tür. Dort stoße ich fast mit Adelheid zusammen, der selbstlosen Aktivistin des gemeinnützigen Vereins, dessen Geschäftsführung zu übernehmen ich mich vor Jahren dummerweise bereit erklärt hatte. Eine ebenso ehrenvolle wie zeitraubende Aufgabe, die niemand einem dankt. Nur ganz kurz ein paar Seiten aus dem Internet ausdrucken und ein Paar Bilder einscannen, bittet mich Adelheid. Soll doch Heike machen. Aber die weiß nicht, wo die Seiten sind. Und schließlich soll die hier was verkaufen. Also, zurück, und die Seiten schnell selber ausgedruckt. "Toner leer" meldet der Drucker. Wäre doch gelacht. Mit ein paar Handgriffen wird der Drucker noch mal überlistet. Das Faxgerät piepst wieder wegen schief eingelegtem Papiers, das Telefon klingelt, das Drucker-Display blinkt. Mir ist aber alles egal, jetzt muss ich zur Bank. Flucht aus dem Büro. Draußen regnet es, außerdem Fahrradschlüssel vergessen. Zurück, Regenhaut, Fahrradschlüssel, Anruf ignoriert, Heike schaut verzweifelt, Su ruft "Dein Mittagessen ist fertig". Das frische Brötchen, nein, „die Semmel“, kann ich vergessen.

Zur Deutschen Bank. Schnell zwanzigtausend Mark abheben, um sie auf der Stadtsparkasse einzuzahlen. Ich bin der Fünfte in der Schlange. Ein junger Mann mit schicken Kleidern, dümmlichem Aussehen und arrogantem Auftreten lässt sich umständlich über eine Geldanlage beraten. Woher hat der wohl das viele Geld und die Zeit? Was mache ich eigentlich falsch?

Endlich komme ich dran, überrede die Angestellte, mir soviel Geld trotz fehlender Voranmeldung auszuzahlen. "Wie hätten sie es denn gerne?" Ist mir doch egal, denke ich. Geht sowieso gleich wieder an eine andere Bank. "Groß", sage ich. "Habe aber nur Fünfhunderter". Egal!

Schnell aufs Fahrrad und zur Stadtsparkasse.

Geschlossen! Mittagspause.

Dann muss ich eben nachher noch mal hin. Zurück aufs Fahrrad. An der Bäckerei vorbei. Kein Bröt... - Semmel gekauft. Habe zwar richtig Hunger und Lust auf eine frische Semmel. Aber was mache ich damit, wenn ich nach Hause komme? Das chinesische Mittagessen ist ja schon längst fertig. „Tongyiniuroumian“ oder „Fanchiedanchaofan“ statt Käse- oder Schinkensemmel.

Jetzt kommt der schönste Moment vom Tag: Balu abholen. Bin schon spät dran. Er freut sich wie verrückt. Jault; der Schwanz wedelt mit dem Hund; er dreht sich unaufhörlich. Heult und zittert von vorne anfangend nach hinten fortsetzend vor Freude. Leckt mir urplötzlich ins Gesicht. Rast bellend durch die Wohnung und bringt einen Socken als Geschenk. Jetzt aber raus. Aus Mitleid mit ihm radele ich in den englischen Garten; die frische Luft und die Ruhe tun mir und meinem Blutdruck gut. Balu gräbt ein Loch, springt in den Bach, schüttelt sich neben anderen Leuten, streitet mit einem anderen Hund, will unaufhörlich Stöckchen geworfen bekommen, um sie zu apportieren, dann aber nicht herzugeben. Ich versuche vergeblich, einen Moment der Ruhe zu erhalten. Mütter schieben Ihre Kinder in Kinderwagen spazieren. Rentner und Arbeitslose dösen auf Parkbanken. Soviel Zeit und Muße hätte ich auch gerne. Eine schmutzige Gestalt bettelt mich an: "Hastemalnemark?" Wenn der wüsste, dass ich zwanzigtausend Mark in der Tasche habe! Gehört aber alles der Bank. Und fünfzigtausend Minus dazu. Ist der Penner eigentlich reicher als ich?

Warum habe ich Idiot bloß mein Handy mitgenommen? Vielleicht passiert etwas Wichtiges und ein geschäftlicher Abschluss wird nicht versäumt, dachte ich wohl unbewusst. Heike ruft an, ob ich schnell kommen könne. Ein verärgerter, cholerischer Kunde sitzt vor ihr. Aus mit der Ruhe; aufs Fahrrad; "Balu komm endlich". Der lässt sich Zeit, riecht an jeder Ecke, setzt alle 20 Meter seine Duftmarke. Hätte ich bloß die Leine mitgenommen.

Endlich zurück im Büro. Su schimpft, weil der Hund schmutzige Füße hat. Und wegen der Haare, die er verliert, und überhaupt... Der cholerische Kunde (wird auch noch vom Hund angebellt) schimpft über unsere schlechte Arbeit, will Änderungen im Angebot, stellt einen weiteren Auftrag in Aussicht. Warum möchte der eigentlich einen weiteren Auftrag, wenn er so unzufrieden ist? Das würde ich am Liebsten ablehnen, bringe es aber nicht über mich. Schließlich brauchen wir das Geld.

Jetzt ruft auch noch der Geschäftskundenberater der Bank an. Will mir eine Anlage verkaufen. Ist schon länger hinter mir her. Wegen der Provision. Kann der denn nicht sehen, dass mein Konto meist überzogen ist? Ist wohl eine andere Abteilung. Er wird abgewimmelt, der cholerische Kunde beschwichtigt. Hunger. Gehe in die Küche zum Essen. Su hat was Leckeres gekocht. Ich versuche während des Essens gleichzeitig ein nicht mehr funktionierendes tragbares Telefon zu reparieren. Beim zweiten Bissen ruft Heike mich zum Telefon. Nein, ich will jetzt nicht ans Telefon. „Ich rufe zurück". "Es ist aber dringend!"

Ich lege das kaputte Telefon und den Löffel hin und begebe mich hinüber ins Büro. Nicht ein Mal kann ich in Ruhe essen. Aha! Es ist der Computerspezialist, auf dessen Rückruf ich seit zwei sehnlichst Wochen warte. Endlich! Ich brauche dringend seine Unterstützung wegen eines Computerproblems. Er hat nur kurz Zeit für mich, erklärt mir etwas, was ich nur halb verstehe. Ich solle das Problem jetzt so versuchen in den Griff zu bekommen. Ich weiß, dass ich an dieser Aufgabe am Wochenende nach fünf Stunden verzweifeln werde. Der Spezialist könnte das Problem wahrscheinlich in zehn Minuten lösen, muss aber morgen für drei Wochen nach Australien. Sch... Computer.

Zurück zum Essen. Su sagt, ich solle mich doch nicht verrückt machen lassen; mir mehr Zeit nehmen, in Ruhe essen, außerdem endlich Gewicht abnehmen, wegen des Blutdrucks; und ob ich den Kunden X schon angerufen habe?

Mit vollem Magen steige ich auf die Leiter, um das Netzwerkproblem endlich zu lösen, da  ruft Maya an. Sie hat ein Computerproblem. Sie kann die Datei der Seminararbeit, an der sie seit Wochen arbeitet, nicht mehr öffnen. Zuvor war der Rechner stehen geblieben. Ihre Daten hat sie auch lange nicht mehr gesichert...

Mein Netzwerkproblem habe ich noch immer nicht lokalisiert und behoben. Entmutigt begebe ich mich zurück zum Schreibtisch, um mich endlich dem Haufen Papier mit unerledigter Arbeit zu widmen, der links auf meinem Schreibtisch liegt. Die Hoffnung, heute noch die Internet-Seiten zu überarbeiten, habe ich längst aufgegeben.

Bewerbung einer Stellensuchenden: Foto eines rassigen Mädchen; mein Typ. Aber ab in den Schredder. Schlechtes Gewissen, weil ich kein Kavalier war. Absage wäre höflicher. Aber wer zahlt mir die Zeit? Drei unverlangt zugesandte Zeitschriften im Eiltempo durchgeblättert. Meist nutzloses Zeug, aber hin und wieder wichtige Informationen. Die gilt es herauszufiltern. Eine Kundenanfrage zum fünften Mal weggelegt. Komplizierte Anfrage, sicher ein bis zwei Stunden Arbeit mit sehr zweifelhaften Erfolgsaussichten. Rechnungen in die Zahlungsdatenbank eingetragen zum späteren Ausdruck der Überweisungsträger. Versicherungs-Änderungsmitteilung überflogen. Wer hat eigentlich die Zeit, die siebzehn Seiten Kleingedrucktes zu lesen oder gar zu verstehen, die im Schadenfalle über viel Geld entscheiden? Sicher Absicht, alles so kompliziert zu verfassen, dass kein Laie es versteht.

Es hat ja schon eine Stunde keiner mehr angerufen. Was ist denn los? Ist das Telefon kaputt? Das Geschäft tot? Ein Anflug von Existenzangst kommt auf.

Mahnung vom Finanzamt lesen. Haben die denn nicht gelesen, was ich ihnen geschrieben habe: Dass ich bei der anderen Steuerart noch ein Guthaben habe.

Jetzt muss ich den Blutdruck wieder messen. Die Datenbank lässt sich immer noch nicht öffnen. "Ein Fehler ist aufgetreten. Starten Sie Ihren Computer neu. Wenn das Problem erneut auftritt, installieren Sie das Programm erneut oder formatieren Sie Ihre Festplatte". Vielen Dank! Gut dass vor hundert Jahren die Autos noch keinen Display hatten, worauf hätte zu lesen sein können: "Fahren sie das Auto mit Vollgas an die Wand und ersetzen sie dann Ihren Anlasser".

Ich versuche, eine Rechnung der Telekom zu verstehen. Unverständliche Formulierungen jagen unbegreifliche Zahlen. Meine Konzentration lässt nach, die Brille ist verschmiert, die Augen tränen. Jetzt ist es Zeit, zur Bank zu gehen, um endlich die zwanzigtausend Mark einzuzahlen, die ich immer noch in der Tasche trage, und die neuntausend Dollar nach Indien zu überweisen.

Heike schaut mich mitfühlend an. Sie sieht, dass ich gestresst bin und möchte mich schonen. Aber sie kann nicht weiter arbeiten, gesteht Sie mir leise: ihr Computer sei "kaputt". Der Bildschirm ist tatsächlich schwarz. Das fehlt mir noch. Ich überlege kurz, wage einen Versuch und drücke das Stromkabel auf der Rückseite des Bildschirms fester hinein. Bingo! Das Bild erscheint wieder. Heike und ich sehen uns kurz wortlos in die Augen; schon eile ich raus aus der Tür. Muss endlich zur Bank.

Im Gang laufe ich Mutter in die Arme. Sie bittet mich „ganz kurz“ in ihre Wohnung. Nur für "zwei Sekunden". Das kenne ich schon. Ich möge doch die Kühlschrankbeleuchtung reparieren und ihr den Badewannenlift erklären, den ich ihr besorgt habe. Und ob ich nicht neben der Wanne sitzen könne, während sie bade. Sie habe Angst, nicht genug Kraft zu haben, um aus der Badewanne heraus zu kommen. Letzteres kann ich auf den Abend verschieben. Unvermeidlich ist jedoch, Auszüge aus einem Brief von Professor Hudemann vorgelesen zu bekommen. Mit dem Vorbild dieses hochgebildeten und hochkultivierten Mannes werde ich seit meiner Kindheit gequält. Dabei ist er eigentlich recht nett. Die Plätzchen von Dallmeier auf dem Tisch locken mich, ich darf sie jedoch auf keinen Fall anrühren, weil bald Herr und Frau von Fumetti erwartet werden...

Unter Hinweis auf die baldige Schließung der Bank entkomme ich mit schlechtem Gewissen nach zwanzig Minuten der wegen meiner wenigen Zeit leicht beleidigten Mutter endlich wieder an die frische Luft. Gerade rechtzeitig vor der Schließung schaffe ich es noch in die Bank. Auf dem Auslands-Überweisungsformular habe ich etwas unkorrekt angekreuzt und soll ein neues ausfüllen. Mit Schreibmaschine! Nach Verlassen der Bank merke ich, dass ich die zwanzigtausend Mark noch in der Tasche habe. Zurück zur Bank, aber die hat schon geschlossen. Wenn ich morgen früh das Geld nicht einzahle, erhalte ich möglicherweise die Auslandsüberweisung mit der Post zurück mit dem Vermerk "... konnte mangels Deckung nicht ausgeführt werden". Vielleicht auch nicht.

Zurück im Büro schaut Balu mich traurig an. Er möchte hinaus. Armer Hund. Auch für ihn zu wenig Zeit. Su kann auch nicht mit ihm auf die Straße. Sie muss Mittagschlaf halten. Und dann mit weiteren Freundinnen telefonieren.

Ich mache mich wieder über meinen Stoß unerledigter Arbeit her. Seit heute früh ist er um etwa drei Finger breit gewachsen. Kundenanfragen, Werbung für Computer, Angebote für Bürobedarf, neue Rechnungen, Informationen über Updates, Formulare, um deren Ausfüllung und Absendung ich mich nicht mehr länger drücken kann, CD-Roms, die ich installieren muss, die Handy-Rechnung von Johannes, die Stromrechnung von Maya, Arztrechnungen von Su. Alles überprüfen, überweisen, ablegen.

Johannes kommt von der Arbeit nach Hause. "Kannst du mir jetzt bei dem Netzwerk-Problem helfen?" "Später, jetzt bin ich zu müde von der Arbeit." Mit diesen Worten verschwindet er in seinem Zimmer, schließt die Tür ab, macht die Rollläden runter, den Fernseher an und legt sich ins Bett. Heike geht nach Hause. Morgen hat sie einen freien Tag. Vorher legt sie mir noch ein paar Arbeitsvorgänge auf den Tisch. "Diese Kunden musst du unbedingt morgen anrufen!" Ich will ihr noch einige Fragen zu den Angeboten stellen, da erscheint meine Mutter aufgeregt. "Ich finde meinen Hausschlüssel-Bund nicht. Ich komme gerade vom Einzelhändler. Vielleicht habe ich ihn dort liegengelassen. Kannst du mal nachfragen? Ich habe keine Kraft mehr." Es ist kurz nach fünf. Ein Anruf am Telefon. Vielleicht ist das der Kunde mit dem lukrativen Auftrag, auf den wir den ganzen Tag vergeblich gewartet hatten. Nein, es ist ein Anrufer für unseren gemeinnützigen Verein, der nur ein paar Fragen hat. Ich sei ihm als Spezialist empfohlen worden. Als ich ihn auf morgen vertröste, hängt er beleidigt ein. Heike ist gegangen, Mutter steht abwartend in der Tür. Aus Johannes´ Zimmer ertönt lauter Rap. Su klebt geschickt mit einer Hand Briefmarken auf die Post, mit der anderen den Telefonhörer haltend. Ich schwinge mich auf mein Fahrrad und sause zum Einzelhändler. Mutters Schlüsselbund haben sie nicht gefunden. Enttäuscht fahre ich entgegen der Einbahnstraße auf dem Gehweg zurück. Da liegt der Schlüsselbund. Noch mal Glück gehabt.

Jetzt kehrt Ruhe ein. Keine Kundenanrufe mehr. Johannes sitzt an seinem Computer. Meine Bitte an ihn, die Saftflaschen wieder zu füllen, und mal mit dem Hund rauszugehen werden ignoriert. Jetzt kann ich endlich in Ruhe daran gehen, meinen Stoß unerledigter Arbeit, der seit heute früh um mehrere Finger breit angewachsen ist, abzuarbeiten. Vielleicht komme ich auch noch zur Gestaltung einer Seite im Internet. Den Frisör- und Arztbesuch habe ich längst auf nächste Woche verschoben.

Da kommt Su in Gymnastikkleidung und sagt, ich solle mich beeilen. In zehn Minuten müssen wir zur wöchentlichen Gymnastikstunde.

Joachim Caspary